Obwohl wir in einer Welt leben, in der schon einiges erforscht ist, kursieren rund um das Thema Hund immer noch zahlreiche Missverständnisse. Einige davon möchte ich hier aufklären. Um dabei zu helfen, den Hund an Ihrer Seite ein wenig besser zu verstehen.

A wie "Auslastung"

In Inseraten, in denen Hunde auf der Suche nach einem neuen Zuhause sind, kann man manchmal Sätze lesen wie "... würde sich über artgerechte Auslastung sicher sehr freuen". Doch was bedeutet das und ist es wirklich notwendig, jeden neustens Trend im "Hundesport" mitzumachen?

Menschen, die wirklich etwas von Hunden verstehen, sagen: Nein! Denn "Auslastung" kann schnell in Überlastung münden. Hunde sind grundsätzlich eher geruhsame Tiere, nicht umsonst gibt es die Redewendung vom "faulen Hund".  

Hunde, die sich selbst überlassen sind, wie etwa Straßenhunde, würden nie auf die Idee kommen, sich bei "Dogdancing", "Flyball", "Agility" oder "Obedience" zu verausgaben. Dabei handelt es sich um eine Erfindungen des Menschen - Menschen, als Teil einer Gesellschaft, die auch ihre Kinder ständig von A nach B kutschiert, um sie rund um die Uhr zu "bespaßen". 

Würde man Hunden die Wahl lassen, würden sie einfach das tun, was Hunde nun mal so tun: Herum liegen, Revier durchstreifen, markieren, sich auf die Suche nach Futter begeben und Sexualkontakte pflegen. Nie würden sie auf die Idee kommen, ohne Sinn und Zweck wie wild durch die Gegend zu rennen. Solche Aktionen verschwenden einfach viel zu viel Energie. Denn wenn Hunde einen Sprint hinlegen, dann gezielt und aus gutem Grund. Aber sicher nicht deshalb, um sich selbst "auszupowern" oder gar "müde zu machen".

Achten Sie daher bitte darauf, dass Ihr Hund artgerecht leben kann. Das bedeutet, dass er Sinneseindrücke in Ruhe verarbeiten kann und nicht gleich an der Leine weiter gezerrt wird, wenn am Wegesrand ein interessanter Geruch wartet. Artgerechtes Leben bedeutet, dass ein Hund, je nach Alter und Gesundheitszustand, den Großteil des Tages verschläft - oder zumindest döst. 

Artgerechtes Leben bedeutet auch, dass sich Ihr Hund regelmäßig bewegen kann - allerdings nicht beim Joggen und schon gar nicht, während Sie am Fahrrad sitzen und Ihr Hund an der Leine oder einer entsprechenden "Haltevorrichtung" neben Ihnen her rennen muss - was in Österreich übrigens bei Strafe verboten ist (§ 99 StVO).

Artgerechtes Leben bedeutet nicht, jeden neuen Trend mitzumachen und sich dann zu wundern, dass man den Hund "nicht müde bekommt". Wer einen Balljunkie erzieht, tut seinem Hund keinen Gefallen und lastet ihn auch nicht aus. Er sorgt bloß dafür, dass jede Menge Adrenalin produziert wird und der Hund Mühe hat, wieder "runter" zu kommen. Dann entsteht der Eindruck, das Tier bräuchte "immer mehr". Tatsache ist aber: Weniger ist mehr! Bedenken Sie das bitte, bevor Sie etwas mitmachen, was weniger Ihrem Hund dient, als der Geldbörse der diversen Veranstalter.  

B wie "Bellen"

"Dem muss ich jetzt echt mal das Bellen abgewöhnen!" Sätze wie diesen hört man oft. Aber geht das wirklich oder wäre es genau so unsinnig, einer Kuh das Muhen, einem Vogel der Zwitschern und einem Pferd das Wiehern abzugewöhnen? 

Natürlich kann man einem Hund das Bellen nicht "abgewöhnen". Man kann aber dafür sorgen, dass er mit seinen Äußerungen weder dem Besitzer noch den Nachbarn das Leben zur Hölle macht. Das funktioniert aber nicht durch "Aus!", "Pfui!", "Ruhe!". 

Denn: Je barscher Sie werden, desto aufgeregter wird Ihr Hund. 

Ihren Hund "ruhig" zu bekommen, funktioniert nur, wenn Sie ihm signalisieren, dass es nicht sein Job ist, sich ständig um alles zu kümmern. Und das wiederum geht nur, wenn Sie selbst ruhig bleiben und Ihrem Hund durch ein freundliches "Ist ok, danke" signalisieren, dass alles in Ordnung ist. Dabei geht es natürlich nicht um die genaue Wortwahl, sondern einfach um ruhige und freundliche Energie. Hilfreich kann auch sein, dem Hund ein Alternativverhalten anzubieten, das etwa mit dem Wort "Komm" eingeleitet wird. So lernt Ihr Hund am schnellsten, dass Sie sich um denjenigen, der es gewagt hat, an der Haustüre zu klingeln, selbst kümmern werden.

D wie "Dominanz"

Um es gleich vorweg zu nehmen: Dominanz ist weder ein Rassemerkmal noch eine Charaktereigenschaft. Fachlich ausgedrückt bedeutet Dominanz Asymmetrie in der Entscheidungsfindung und im Zugang zu Ressourcen. 

Unter "Dominanz" versteht man daher ein situationsbezogenes Verhalten, das dafür sorgt, Wesentliches sicher zu stellen: Lebensraum, Futter, Sexualpartner und andere Ressourcen. Das bedeutet aber auch, dass kein Hund schlichtweg "dominant" ist. Schlimmstenfalls hat er bloß die Erfahrung gemacht, dass es besser ist, sich Menschen (oder andere Hunde) durch mehr oder weniger "beeindruckendes Gehabe" vom Leib zu halten

Trotzdem ist Dominanz nicht zwangsläufig mit dem Ausüben von Gewalt gleich zu setzen. Oder würden Sie es gut finden, wenn man Ihnen Essen vom Teller klaut und Sie dann als "dominant" bezeichnet, bloß weil Sie Ihr Gegenüber - vollkommen zu Recht - in seine Schranken weisen? Möglicherweise sind Sie der freundlichste Mensch überhaupt. Irgendjemand hat aber - vielleicht immer wieder - Ihre Grenzen überschritten. Dann ist es kein Wunder, wenn Sie anderen Leuten signalisieren, dass diese gut daran tun, Ihnen nicht zu nahe kommen. Sobald man Sie aber richtig "anfasst", werden Sie froh und dankbar sein, wieder in Ihr ursprüngliches Verhalten zurück kehren und Ihr eigentliches Wesen leben zu können. 

Dieses Streben nach sozial ausgewogenen Beziehungen haben wir übrigens mit Wölfen gemeinsam, die - unter artgerechten Freilandbedingungen - in kooperativen Familienverbänden zusammen leben. 

Trotzdem hat der Mensch irgendwann begonnen, den Begriff "Dominanz" mit Härte, Kampf, Krieg und autoritärem Führungsstil gleich zu setzen. Diese ideologisch verzerrte Sichtweise hat nicht zuletzt dazu geführt, bestimmte Rassen, wie etwa den Deutschen Schäferhund, mit Attributen zu versehen, die mit dem Wesen dieser wunderbaren Tiere rein gar nichts zu tun haben.

Misstrauen Sie daher Menschen, die einen Hund grundsätzlich als "dominant" bezeichnen. Menschen, die noch nie ein Fachbuch gelesen haben und gar nicht wissen, was sie da eigentlich sagen. Und genau dadurch sehr viel Schaden anrichten können. 

J wie "Jagen"

Hunden "das Jagen abzugewöhnen" wäre ungefähr so, als ob man Menschen ihre liebste Freizeitbeschäftigung nehmen würde. Trotzdem ist natürlich klar, dass Wild weder gejagt noch gehetzt werden darf. Anstelle den Hund aber zu einem Leben an der Leine zu verdammen, macht es viel mehr Sinn, erst einmal heraus zu finden, welcher Typ "Jäger" in ihm steckt: Jagt Ihr Hund eher auf Sicht, nimmt er mit der Nase am Boden gerne Fährten auf oder ist er eher ein "Vorsteher"? Oder buddelt er gerne? Auch das ist Jagdverhalten. 

Wichtig ist auch zu erkennen, ob Ihr Hund eher selbständig ist und sich gerne mal entfernt oder ob er Freude daran hat, genaue Anweisungen zu befolgen. Dabei geht es natürlich nicht darum, dass Ihr Hund außer Sicht sein eigenes Ding macht. Vielmehr kann genaue Beobachtung und Zuordnung helfen, dieses Wissen ganz gezielt in den gemeinsamen Spaziergang einzubauen.

Sehr viel wichtiger, als Ihrem Hund etwas "abzugewöhnen", was zu seinem ursprünglichen Verhalten gehört - und wofür er mitunter auch ganz gezielt gezüchtet wurde - ist es daher, rechtzeitig auf alle Anzeichen von Jagdverhalten zu reagieren. Das setzt voraus, beim Spaziergang achtsam zu sein, die Kommunikationsversuche Ihres Hundes nicht (unabsichtlich) zu ignorieren, sondern seine Körpersprache zu beobachten und darauf einzugehen.

Denn Hunde jagen ungern alleine. Sie werden zu Einzelkämpfern gemacht, weil sie es aufgegeben haben, mit ihrem Menschen zu kommunizieren. Nichts würde ihnen mehr Spaß machen, als sich gemeinsam mit Herrchen oder Frauchen auf Spurensuche zu begeben! 

U wie "Unterordnung"

Warum müssen Hunde sich eigentlich ständig "unterordnen"? Haben wir wirklich so viel Angst davor, dass sie die Herrschaft übernehmen? Und kann das schon dadurch passieren, dass der Hund "vor seinem Besitzer durch die Türe geht" oder aufs Sofa springt? Was genau steckt hinter all diesen Mythen und Märchen? Vielleicht rein menschliche Sichtweisen?

Denn in Wahrheit sind Hunde Konfliktvermeider. Nicht umsonst kann man in relevanter kynologischer Fachliteratur von Beschwichtigungssignalen lesen. Signale, die Hunde einsetzen, um mit anderen Tieren und Menschen zu kommunizieren. Hunde müssen daher weder "dominiert", noch "ins Rudel eingeordnet" werden und sie brauchen auch niemanden, der ihnen zeigt, "wer hier der Herr" ist. 

Solange aber Begriffe wie "Dominanz", "Rangordnung", "Rudel" und "Unterordnung" in den Köpfen der Menschen grassieren, ist es kein Wunder, wenn es jede Menge Missverständnisse gibt. Mit Hunden, die im Grunde nichts anderes wollen, als ein stressfreies Leben bei Menschen, die sie lieben und gut für sie sorgen

V wie "Vermenschlichen"

"Vermenschlicht" man einen Hund schon dadurch, indem man ihn liebt? Natürlich nicht. Sehr wohl wird er aber vermenschlicht, wenn man ihn zwingt, Bedingungen zu akzeptieren, für die er nun mal nicht geschaffen ist. Denn der artgerechte Lebensraum des Hundes ist weder das Einkaufszentrum noch die Handtasche. Und natürlich sind Hunde auch nicht dazu da, die Lücken in unserem Leben zu füllen. 

Ein Hund ist kein Ersatz für Kinder, Partner und Freunde. Obwohl ich meine beiden Hunde über alles liebe, können sie mir weder ein Gespräch noch eine Umarmung ersetzen. Wer Probleme mit den eigenen Artgenossen hat, tut seinem Hund nichts Gutes, wenn dieser für alles "herhalten" muss, was eigentlich unsere menschliche Aufgabe wäre. Das hat nichts mit Liebe und Fürsorge zu tun, sondern führt zu einer Überforderung des Hundes, der seinen vielfältigen "Aufgaben" einfach nicht mehr gewachsen ist.

Wenn Sie sich daher einen Hund anschaffen, dann bitte primär deshalb, weil sie Hunde lieben. Und nicht nur deshalb, weil ihnen "langweilig" ist, Sie "zu wenig Sozialkontakte" haben oder "endlich abnehmen" möchten. Fragen Sie sich bitte, ob und was Sie einem Hund geben können. Und nicht nur, was er Ihnen geben kann. 

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