Als ich begonnen habe, mich intensiver mit dem Thema Hund zu beschäftigen, bin ich auf jede Menge Theorien gestoßen. Viele davon waren mir noch von früher vertraut: Da ging es um Begriffe wie "Alpha", "Dominanz" und "Leithund" und darum, dass der Mensch führen soll und der Hund ohne Wenn und Aber zu folgen hat.  

Und obwohl sich viel davon nicht stimmig angefühlt hat, habe ich natürlich trotzdem jede Menge Bücher gelesen. 

Solange, bis ich bemerkt habe, dass manche Bücher ohne Quellenangaben auskommen, ohne Verweise auf Fachliteratur. Da war dann von "hierarchisch strukturierten Rudeln" die Rede, obwohl mittlerweile schon seit Jahrzehnten bekannt ist, dass Wölfe in sozialen Familienverbänden zusammen leben, angeführt von einem Elternpaar mit Jungtieren erster und zweiter Generation. 

Und obwohl man das Verhalten von Wölfen nicht eins zu eins auf Hunde übertragen kann, haben sie doch eines gemeinsam: Keines dieser Tiere würde versuchen, sein Junges mit Druck und Stress zu "erziehen". Hunde und natürlich auch Wölfe sind hoch soziale Tiere, sie führen und leiten mit Bedacht

Die Mär vom "Rudelführer" und vom "Alphawolf", der ständig nur darauf bedacht ist, andere zu "dominieren", hat schon lange ausgedient. Trotzdem halten sich Begriffe wie diese immer noch ausgesprochen hartnäckig - der Grund dafür ist, dass Wölfe lange Zeit in Gefangenschaft gehalten und beobachtet wurden. Wenig verwunderlich, dass ein Lebewesen in einem vom Menschen geschaffenen künstlichen Umfeld ein ganz anderes Verhalten an den Tag legt, als es das von Natur aus tun würde. 

Und als mir das klar wurde, war ich dann plötzlich dort, wo sich viele Hundehalter*innen wiederfinden: Ich war verwirrt, wusste nicht mehr, wem und was ich noch glauben sollte. Sollte ich noch meinem Bauchgefühl vertrauen oder doch dem, was man immer wieder hört und liest? Oder gar irgendeiner neuen "Trainingsmethode"? Wer hat "Recht"? 

Die Wahrheit ist: Es gibt nicht "die" Methode!

Denn das, worum es in Wahrheit geht, ist Ihre ganz persönliche Beziehung zu Ihrem ganz persönlichen Hund. Was keineswegs heißen soll, dass Hunde niemals Anleitung, Führung und ein Stück weit auch "Erziehung" brauchen. Natürlich möchte und soll Ihr Hund wissen, wo es lang geht. Das dient seinem Schutz und der Vermeidung von unnötigem Stress mit Menschen oder Tieren. 

Trotzdem gibt es kein Patentrezept und nicht alles, was als "gewaltfrei" propagiert wird, ist es auch. Denn Gewalt fängt schon bei den vermeintlich "kleinen" Dingen an: Beim Leinenruck, beim Anzischen und Aufstampfen, dabei, einen Hund körperlich zu bedrängen oder absichtlich zu erschrecken. Dabei, seine Grenzen nicht zu respektieren und sein Verhalten übertrieben oft zu korrigieren. Und auch dort, wo natürliche Reaktionen gar nicht mehr als solche erkannt oder gänzlich falsch interpretiert werden.

Bitte bleiben Sie kritisch!

Denn nicht jeder, der im Fernsehen auftritt, Videos aufnimmt oder einen Verlag im Hintergrund hat, hat auch den Schlüssel zur Weisheit. Hören Sie auch auf Ihr Bauchgefühl und darauf, was Ihr Herz Ihnen sagt. Und wenn Sie das Gefühl haben, dass das, was irgendwo gesagt, geschrieben oder gezeigt wird, mit Ihnen und Ihrem Hund nicht das Geringste zu tun hat, dann hören Sie bitte auf Ihre innere Stimme. Und nicht nur darauf, was irgendwo geschrieben steht oder "vorgezeigt" wird. 

Aber vor allem: Überprüfen Sie jedes Buch auf Qualitätsmerkmale. Darauf, ob Sie darin Quellennachweise, ein Verzeichnis der verwendeten Literatur und Zitate anderer Autor*innen finden. 

Wer auf den letzten Seiten seines Buches nur Werbung für das nächste macht, ohne auf weiterführende Literatur oder konkrete Quellenangaben zu verweisen, tut oft nur seine rein subjektive Meinung oder eine persönlich gefärbte Interpretation kund. Das ist bis zu einem gewissen Grad auch in Ordnung - allerdings besitzen Meinungen, Erlebnisse und Erfahrungsberichte nicht zwangsläufig Allgemeingültigkeit. Und auch die Auflagenstärke eines Buches sagt nicht unbedingt etwas über dessen Qualität aus. 

Qualität ist manchmal auch leise.

Wählen Sie daher sorgfältig aus, für welches Buch Sie Geld ausgeben. Achten Sie auf die Ausbildung der Publizierenden und vor allem darauf, ob es sich wirklich um Fachliteratur handelt, die sich an interessierte Laien oder auch an Profis richtet. Oder bloß um einen rein persönlichen Erfahrungsbericht, eine Erzählung - oder eine mehr oder weniger selbst gestrickte Theorie.  

Empfehlenswerte Autor*innen sind etwa (in alphabetischer Reihenfolge und ohne Anspruch auf Vollständigkeit): 
Günther Bloch, Raymond Coppinger, Dorit U. Feddersen-Petersen, Udo Gansloßer, Anders Hallgren, James O`Heare, Kurt Kotrschal, Patricia McConell, Adam Miklosi, Ulli Reichmann, Clarissa von Reinhardt, Thomas Riepe, Turid Rugaas und Viviane Theby.

So laufen Sie am wenigsten Gefahr, jene Form von schwarzer Pädagogik, der vor nicht allzu langer Zeit noch Kinder ausgesetzt waren, jetzt am Hund auszuprobieren. 

Und erinnern Sie sich bitte auch daran, was eigentlich der Grund dafür war, dass Sie überhaupt einen Hund haben wollten: Ganz sicher haben Sie damals nicht daran gedacht, ihm zu zeigen, wer hier der "Chef" ist. Wir teilen unser Leben mit Tieren, weil wir sie lieben. Vergessen Sie das bitte nicht

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